Medien Kreiszeitungstalk zum Thema Allwetterbad im Diepholzer Rathaus

Medien Kreiszeitungstalk zum Thema Allwetterbad

Mehr ist auch nur ein Gefühl

Ein paar kurze Gedanken zum Allwetterbad

Rund 200 Menschen waren beim MK Talk. Man kann das als starkes Zeichen lesen, man kann es aber auch einfach als das nehmen, was es ist: eine überschaubare Zahl engagierter Bürgerinnen und Bürger, die sich informieren wollten. Beides stimmt gleichzeitig.

Interessant wird es, wenn man kurz zurückspult. Unsere Umfrage aus 2022 hatte ungefähr genauso viele Teilnehmende. Damals hieß es: nicht repräsentativ. Heute reichen zwei Jugendliche im Video, um „die Jugend“ abzubilden. Man lernt ja nie aus. Vor allem, wie flexibel Repräsentativität sein kann. Zeiten ändern sich. Maßstäbe offenbar auch. Beteiligung scheint sehr unterschiedlich bewertet zu werden – je nachdem, aus welcher Richtung sie kommt und zu welchem Zeitpunkt sie gebraucht wird.

Ebenso hörte ich gestern, der Stadtrat habe die Bürgerinnen und Bürger zu spät eingebunden. Das klingt entschieden, ist aber vor allem bequem. Wir sind auch der Stadtrat und haben früh versucht, Öffentlichkeit herzustellen. Genau deshalb gab es unsere Umfrage. Sie war offen, sie war öffentlich, sie war unbequem.

Das wurde nicht überall als Fortschritt empfunden und kam nicht besonders gut an. Unsere Art, das Thema anzugehen, wurde von den anderen Fraktionen kritisch hinterfragt. Zu früh. Zu direkt. Zu öffentlich. Vermutlich vor allem: zu ungewohnt. Vielleicht war es einfach neu. Neues wirkt manchmal wie ein Fehler, obwohl es nur anders ist. Rückblickend hatte das weniger mit dem Inhalt zu tun als mit der Irritation darüber, dass Beteiligung plötzlich nicht mehr nur am Ende eines Prozesses stattfinden sollte. Neue Formen fühlen sich für manche eben erst mal wie Kontrollverlust an. Übersetzt heißt das: Beteiligung ja – aber bitte kontrolliert. Am besten dann, wenn die Richtung bereits feststeht.

Als wir später einen Ergänzungsantrag eingebracht haben, wurde diese Haltung ziemlich deutlich. Keine Maximalforderungen, kein Wunschkonzert. Verschiedene Beckenvarianten prüfen, unsere Umfrageergebnisse berücksichtigen, den Müntepark sensibel behandeln. Also genau das, was heute vielerorts eingefordert wird. Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: zu früh.

Spätestens an diesem Punkt war für uns klar, dass die Bedarfe der Öffentlichkeit offenbar erst dann eine Rolle spielen sollten, wenn die Grundentscheidungen bereits getroffen sind. Für uns ist das ein merkwürdiges Verständnis von Mitnahme und auch keine gute Grundlage für Vertrauen. Eine tragfähige Konzeption entsteht nicht am Ende eines Prozesses, sondern am Anfang. Gute Planung beginnt nicht mit hübschen Bildern, sondern mit Fragen. Und mit der Bereitschaft, Antworten auszuhalten, die vielleicht nicht ins eigene Lieblingsbild passen.

Dass es jetzt ein Bürgerbegehren gibt, ist keine Überraschung. Es ist eher eine logische Folge. Unsere Haltung dazu war es ebenfalls, und sie war immer auch geprägt vom Blick auf die Kosten. Denn parallel zu all dem läuft ein zweiter, kaum reflektierter Prozess: das kollektive Hochdrehen der Ansprüche. Mehr Wasserfläche. Mehr Attraktionen. Mehr Angebote. Das Grundmuster ist simpel: Wenn wir schon bauen, dann richtig. Das klingt vernünftig, ist aber genau der Mechanismus, mit dem Projekte regelmäßig aus dem Ruder laufen. Die Frage, ob „mehr“ automatisch auch „besser“ ist, wird dabei gern übersprungen. Vielleicht, weil sie unangenehm ist. „Mehr“ fühlt sich gut an. Klingt nach Fortschritt. Nach Zukunft.

Was dabei auffällig wenig Rolle spielt, ist der oft beschworene Wunsch nach einem klimaneutralen, nachhaltigen Bad. Der taucht zuverlässig in Leitbildern und Sonntagsreden auf – verschwindet aber, sobald er Konsequenzen hätte. Weder in der öffentlichen Debatte noch im Rat war Nachhaltigkeit bislang ein echter Maßstab. Nachhaltigkeit klingt gut. Kostet aber manchmal genau das, was im Moment niemand wirklich diskutieren will: Verzicht.

Ich schreibe das nicht aus dem Elfenbeinturm. Ich bin selbst oft im Freibad, schwimme die 50-Meter-Bahnen und weiß genau, warum sie vielen fehlen würden. Aber Realität bleibt Realität. Der Sommer 2025 war wetterbedingt schwach besucht. Das ist nichts Außergewöhnliches, gehört aber zur Wahrheit dazu – genauso wie volle Tage an heißen Wochenenden. Die Statistiken konnte man sich gestern noch einmal auf großer Leinwand anschauen. Das ist kein Argument gegen ein Bad, sollte man aber mitdenken, bevor man sehr große Rechnungen sehr lange aufmacht.

Und dann gibt es noch einen Punkt, den wir gern verdrängen: Unsere Jugend ist nicht die Jugend von heute. Für viele von uns gehörten Freibad, Pommes und ganze Tage am Beckenrand selbstverständlich dazu. Für viele junge Menschen heute sieht Freizeit anders aus. Reisen, andere Angebote, andere Prioritäten – all das spielt eine Rolle. Das ist keine Wertung, sondern eine Tatsache. Nostalgie ist schön. Aber kein Planungskonzept.

Ein attraktives Bad lässt sich trotzdem planen. Aber nicht jede Erinnerung taugt als Argument für Millioneninvestitionen. Ein Sprungturm, der an wenigen sehr heißen Tagen Hochbetrieb hat, ist emotional wirksam – rechnerisch aber schwach. Klimaneutralität hingegen wäre ein echtes Zukunftsargument. Sie wird nur deshalb kaum eingefordert, weil sie das Gegenteil von „mehr“ bedeutet.

Wenn Menschen vor die Wahl gestellt werden zwischen weniger und mehr, entscheiden sie sich fast immer für mehr. Das ist menschlich. Vor allem dann, wenn es sich erst mal nicht wie das eigene Geld anfühlt. Kommunale Schulden sind geduldig. Sie kommen später. Aber sie kommen.

Vielleicht erklärt das auch, warum Fragen immer wieder gestellt werden. Obwohl sie längst beantwortet sind. Emotionen halten sich länger als Zahlen.

Vielleicht täte es uns insgesamt gut, weniger in Superlativen zu denken. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Und nicht alles, was sich gut anfühlt, ist langfristig tragfähig. Und vielleicht ereilt uns auch die Erkenntnis, dass „mehr“ nicht automatisch „besser“ ist.

Mehr ist kein Konzept. Mehr ist ein Gefühl. Und Gefühle sind eine schlechte Grundlage für Entscheidungen mit 30-Jahres-Folgen.

Bettina Kuhlmann, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen

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