Ein genauer Blick auf die neue Heizzentrale in Diepholz – von Florian Willnat
Die Stadtwerke Huntetal haben ihre neue Heizzentrale in Diepholz an der Amelogenstraße eingeweiht. Rund sechs Millionen Euro wurden investiert, etwa 40 Prozent davon über Fördermittel. Ein Holzhackschnitzelkessel mit 1,65 Megawatt Leistung, ein Blockheizkraftwerk und ein Gaskessel als Reserve versorgen über rund 1.500 Meter Leitungen den Landkreis, die Kreissparkasse und das Krankenhaus. Das neue Allwetterbad soll folgen. All das zu lesen im Diepholzer Kreisblatt.
Dass Diepholz ein Wärmenetz baut, ist richtig. Wärmenetze sind eine wichtige Infrastruktur für die Wärmewende. Ein Satz aus der Berichterstattung hat mich aber nicht losgelassen: Laut Stadtwerken geben die Hackschnitzel bei der Verbrennung „nicht mehr CO₂ ab, als sie vorher gespeichert haben“. Das klingt nach Klimaneutralität. Physikalisch ist es etwas anderes. Deshalb habe ich nachgerechnet.
Was am Schornstein der Heizzentrale in Diepholz passiert
Trockenes Holz besteht zu etwa 50 Prozent aus Kohlenstoff. Bei der Verbrennung verbindet sich jedes Kohlenstoffatom mit Sauerstoff zu CO₂. Aus einer Tonne trockenem Holz entstehen so rund 1,8 Tonnen CO₂. Bezogen auf den Energiegehalt sind das etwa 0,36 Kilogramm CO₂ je Kilowattstunde Brennstoffenergie.
Zum Vergleich: Erdgas liegt bei rund 0,2 Kilogramm je Kilowattstunde. Am Schornstein setzt Holz also fast doppelt so viel CO₂ frei wie Erdgas, um dieselbe Wärme zu erzeugen. Weil Holzkessel zudem meist einen etwas geringeren Wirkungsgrad haben als moderne Gaskessel, verschiebt sich das Verhältnis eher noch weiter zuungunsten des Holzes.
Dass Holz trotzdem als „klimaneutral“ gilt, beruht auf einer Bilanzannahme: Das freigesetzte CO₂ wird später von nachwachsenden Bäumen wieder aufgenommen. Diese Annahme ist nicht falsch, aber sie verschweigt den entscheidenden Faktor: die Zeit.
Die 90 Kubikmeter zurückgerechnet
Laut dem Bericht wurden in den ersten Wochen etwa 90 Kubikmeter Hackschnitzel verfeuert. Es handelt sich um gesiebtes, entrindetes Mischholz. Daraus lässt sich grob zurückrechnen:
- Holzmenge: 90 Schüttraummeter entsprechen etwa 30 bis 36 Festmetern massivem Holz.
- Bäume: Je nach Stärke der Stämme sind das etwa 60 bis 120 Bäume, bei Schwachholz auch mehr.
- CO₂: Bei rund 0,5 Tonnen Trockenmasse je Festmeter ergeben sich etwa 27 bis 33 Tonnen CO₂, die in wenigen Wochen in die Luft gegangen sind.
Das entspricht grob 0,3 bis 0,5 Tonnen CO₂ je Baum. Der Bunker der Anlage fasst 400 Kubikmeter. Eine volle Füllung steht demnach für rund 120 bis 150 Tonnen CO₂.
Das Problem ist die Zeit
Die CO₂-Freisetzung bei der Verbrennung dauert Stunden. Die Wiederaufnahme durch nachwachsende Bäume dauert Jahrzehnte. Das folgende Diagramm zeigt auf Grundlage der Ertragstafeln der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, wie viel CO₂ ein durchschnittlicher Baum in Nordwestdeutschland je nach Alter im Holz gespeichert hat.

Ein Baum mit 0,4 Tonnen CO₂ im Holz, so viel setzt ein durchschnittlicher Baum der Lieferung beim Verbrennen frei, ist nach den Ertragstafeln bei der Fichte etwa 55, bei der Eiche etwa 58 und bei der Rotbuche etwa 65 Jahre alt. Für die gesamte Spanne von 0,3 bis 0,5 Tonnen sind es rund 50 bis 70 Jahre. Ein neu gepflanzter Baum braucht entsprechend lange, um dieselbe Menge wieder zu binden. In dieser Zeit ist das CO₂ in der Atmosphäre und wirkt dort. Fachleute sprechen von einer Kohlenstoffschuld.
Hinzu kommt: Hätte man die Bäume stehen lassen, hätten sie in derselben Zeit weiter CO₂ aufgenommen. Gerade ältere Bäume legen pro Jahr besonders viel Biomasse zu. Wer sie fällt und verbrennt, verliert also nicht nur den gespeicherten Kohlenstoff, sondern auch die künftige Bindung.
Fairerweise muss man sagen: Stammt das Holz aus Pflegemaßnahmen oder Rückschnitt, das sonst ohnehin verrotten würde, fällt die Bilanz günstiger aus. Auch beim Verrotten wird CO₂ frei, nur langsamer. Auch auf Bestandsebene sieht es günstiger aus als beim Einzelbaum: Ein Hektar Buchenwald wächst laut Ertragstafel im mittleren Alter um etwa 13 bis 14 Festmeter pro Jahr. Die rund 33 Festmeter der Lieferung entsprechen damit dem Jahreszuwachs von etwa zweieinhalb Hektar. Entscheidend ist, ob insgesamt nicht mehr entnommen wird, als nachwächst. Deshalb ist die Herkunft des Holzes die entscheidende Frage.
Woher kommt das Holz?
Genau hier bleibt der Bericht unklar. Einerseits ist von Mischholz „aus der direkten Umgebung“ die Rede. Andererseits heißt es, die Hackschnitzel würden regional bis überregional produziert und aus der Nähe von Nienburg angeliefert. Ob es sich um Restholz, Pflegeschnitt oder Stammholz aus dem Wald handelt, wird nicht gesagt. Für die Klimabilanz macht das einen großen Unterschied.
Wärme, die unterwegs verloren geht
Ein zweiter Punkt bekommt in der Berichterstattung keine Aufmerksamkeit: die Verluste im Netz. Jede Wärmeleitung gibt rund um die Uhr Wärme an das Erdreich ab. Wie viel, hängt von Rohrdurchmesser, Dämmung und Temperaturen ab. Nach dem Merkblatt von C.A.R.M.E.N. e.V. kann man bei neuen erdverlegten Netzen mit moderaten Temperaturen von etwa 25 Watt je Meter Wärmetrasse ausgehen, die Berechnungen des Merkblatts reichen von 20 bis 35 Watt.

Bei 1.500 Metern Trasse ergibt das einen Dauerverlust von etwa 30 bis 53 Kilowatt, beim Referenzwert von 25 Watt je Meter sind es rund 37,5 Kilowatt. Aufs Jahr gerechnet sind das etwa 260 bis 460 Megawattstunden Wärme, beim Referenzwert rund 330, die niemand nutzt. Werden diese Verluste mit Holz gedeckt, entspricht das je nach Annahme etwa 360 bis 640 Kubikmetern Hackschnitzeln pro Jahr, also rund einer bis anderthalb Bunkerfüllungen. Das sind grob 110 bis 200 Tonnen CO₂ jährlich allein für die Netzverluste, beim Referenzwert rund 140 Tonnen.
Entscheidend ist der Anteil an der gelieferten Wärme. C.A.R.M.E.N. nennt als Zielwert für effiziente Biomasseheizanlagen im Endausbau Netzverluste unter 10 Prozent. Bei 25 Watt je Meter und 1.500 Metern Trasse müssten dafür jährlich rund 3.000 Megawattstunden Wärme abgenommen werden (eigene Rechnung nach dem Merkblatt). Zum Vergleich: Eine Umfrage der Deutschen Umwelthilfe bei 75 deutschen Wärmenetzen ergab einen Median von 12,4 Prozent Netzverlust, bei einer Spanne von 1 bis 42,8 Prozent. Je mehr Abnehmer entlang der Trasse angeschlossen werden, desto kleiner wird der Anteil der Verluste. Insofern ist der geplante Ausbau sinnvoll.
Welche Verluste das Netz in Diepholz tatsächlich hat, können nur die Stadtwerke sagen. Die Zahlen oben sind eine Hochrechnung mit Richtwerten. Ob die 1.500 Meter die Trassenlänge oder die gesamte Rohrlänge meinen, geht aus dem Bericht ebenfalls nicht hervor.
Was für das Projekt spricht
Ich will das Projekt nicht schlechtreden. Wenn die Heizzentrale alte Öl- oder Gaskessel ersetzt, ist das ein Fortschritt bei der Versorgungssicherheit und bei den fossilen Emissionen. Das Wärmenetz selbst ist eine Investition, die Jahrzehnte hält. Es lässt sich später auch mit anderen Wärmequellen betreiben, etwa mit Großwärmepumpen, Abwärme oder Solarthermie. Und regionale Brennstoffe halten Wertschöpfung in der Region.
Aber gerade weil das Netz so lange hält, sollten wir ehrlich darüber reden, womit es betrieben wird. Holz ist eine begrenzte Ressource. Wälder sind gleichzeitig Kohlenstoffspeicher, Lebensraum und Erholungsort. Holz in großem Maßstab zu verbrennen, sollte die Übergangslösung sein und nicht das Ziel.
Meine Fragen an die Stadtwerke
- Woher genau stammt das Holz, und welcher Anteil ist Restholz, Pflegeschnitt oder Stammholz?
- Wie viele Kubikmeter Hackschnitzel werden pro Jahr erwartet?
- Wie hoch sind die Netzverluste, absolut und als Anteil an der eingespeisten Wärme?
- Welchen Anteil an der Wärme liefern Holzkessel, Blockheizkraftwerk und Gaskessel?
- Gibt es einen Plan, das Netz mittelfristig auf weitere erneuerbare Wärmequellen umzustellen?
Fazit
Die neue Heizzentrale ist ein wichtiger Schritt für die Wärmeversorgung in Diepholz. Das Etikett „klimaneutral“ greift beim Verbrennen von Holz aber zu kurz. Am Schornstein entsteht mehr CO₂ als bei Erdgas, und bis nachwachsende Bäume es wieder gebunden haben, vergehen Jahrzehnte. Wer das Netz als Zukunftsprojekt versteht, sollte schon heute planen, wie die Wärme darin langfristig ohne große Mengen Holz erzeugt werden kann.
Quellen und Berechnungsgrundlagen
- Kreiszeitung, Edgar Haab: Sechs Millionen Euro und 1.500 Meter Leitungen: Stadtwerke Huntetal weihen Nahwärme-Zentrale ein 30.09.2026
- Umrechnung: 1 Festmeter entspricht etwa 2,5 bis 3 Schüttraummetern Hackschnitzel. Raumdichte Mischholz ca. 0,5 t Trockenmasse je Festmeter.
- CO₂: Kohlenstoffanteil ca. 50 %, Faktor 44/12, Heizwert ca. 5,1 MWh je Tonne Trockenmasse. Erdgas ca. 0,2 kg CO₂ je kWh.
- Diagramm 1: Durchschnittsbaum = Vorrat geteilt durch Stammzahl des verbleibenden Bestands (I. Ertragsklasse), Derbholz ohne Äste und Wurzeln. Umrechnung in CO₂ mit Raumdichten nach LWF (Rotbuche 0,558, Eiche 0,571, Fichte 0,379 t/fm). Die Gesamtbiomasse liegt etwa 40 % höher.
- Albert, M., Nagel, J., Schmidt, M., Nagel, R.-V., Spellmann, H. (2024): Eine neue Generation von Ertragstafeln für die Baumarten Eiche, Buche, Fichte, Douglasie und Kiefer in Nordwestdeutschland (NW-FVA). Daten über das R-Paket et.nwfva von Nuske, Staupendahl und Albert (MIT-Lizenz): github.com/rnuske/et.nwfva
- Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF), Christoph Schulz: FAQs Kohlenstoff, Kohlenstoffbindung in Bayerns Wäldern (nach Klein und Schulz 2012) sowie LWF-Merkblatt 27, Kohlenstoffspeicherung von Bäumen
- C.A.R.M.E.N. e.V. (Centrales Agrar-Rohstoff Marketing- und Energie-Netzwerk): Merkblatt Nahwärmenetze und Bioenergieanlagen. Grundlage für Diagramm 2: spezifische Verlustleistung neuer erdverlegter Netze ca. 25 W je Meter Trasse (219 kWh/(m·a) bei ganzjährigem Betrieb), Berechnungen mit 20 bis 35 W/m, Zielwert für Netzverluste unter 10 Prozent.
- Deutsche Umwelthilfe e.V. (2022): Hintergrundpapier Netzverluste in Wärmenetzen. Umfrage bei 75 Wärmenetzen, Median der Netzverluste 12,4 Prozent.
- Umrechnung der Verluste in Hackschnitzel und CO₂ (eigene Rechnung): Kesselwirkungsgrad 85 %, 0,85 MWh je Schüttraummeter, ca. 0,36 kg CO₂ je kWh Brennstoffenergie.